Digitale Souveränität im Kielwasser digitaler Großmächte
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Denn die Vorstellung digitaler Autonomie wirkt wie eine imaginäre Route auf einer Karte, die Europa nie wirklich befahren hat. Wer als Organisation mit dem Begriff "digitale Souveränität" aufbricht, riskiert nie anzukommen. Deshalb plädieren Mayer und Lu – zwei Wissenschaftler an der Universität Bonn – für den verantwortungsvollen Kurs der "digitalen Resilienz" als steuerbare, tragfähige und realistische Strategie.
Europa: Ein Kontinent im digitalen Nachteil
Doch zuerst zu den Fakten: Mayer und Lu verdeutlichen in „Illusionen der Autonomie? Europas Position in den globalen digitalen Abhängigkeitsstrukturen“ (2023), dass digitale Souveränität – verstanden als umfassende technologische Unabhängigkeit – vorerst ein politisches Ideal bleibt. Während die Risiken für Organisationen aufgrund digitaler Abhängigkeit immer weiter zunehmen, zeigt der Digitale Dependenz Index (DDI) worum es bei digitaler Souveränität wirklich geht.
Was ist der Digitale Dependenz Index?
Der DDI beruht auf mehreren Indikatoren im Bereich Hardware, Software und geistigem Eigentum. Verglichen wird also das Ausmaß der Abhängigkeiten von niedriger bis zu hoher Vulnerabilität.
Vereinfacht gesagt bedeutet ein DDI von 0, dass ein Staat vollkommen unabhängig von ausländischen Technologien ist. Ein DDI von 1 bedeutet, dass die nationale Nachfrage durch ausländische Technologien vollständig bedient wird.
Von 37 untersuchten Staaten weisen 34 einen DDI-Wert über 0,8 auf. In Deutschland (0,89), Frankreich (0,91) und Finnland (0,93) liegen diese Werte im Bereich einer hohen strukturellen Verwundbarkeit.
Am besten schneiden die USA mit einem Wert von 0,46 und China mit einem DDI von 0,58 ab.
Noch deutlicher wird das Ausmaß der Vulnerabilität bei einem Blick auf einzelne Bewertungsachsen. Während die Abhängigkeit von ausländischer digitaler Infrastruktur in den USA bei weniger als 0,1 liegt, ist die Messung bei europäischen Ländern oftmals bei über 0,95.
Im Hinblick auf diese Zahlen stellt sich vielen von unseren Lesern sicherlich die Frage, warum digitale Souveränität nicht der erste Schritt von Organisationen sein sollte.
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Im Kielwasser der Großmächte; warum Europa aktuell nicht einen eigenen Kurs fahren kann
Naja ganz einfach: Digitale Abhängigkeiten lassen sich nicht nur mit Open Source Software erschlagen, denn sie reichen viel tiefer und sind ungleich verteilt. Diese Abhängigkeiten zu lösen benötigt einen hohen zeitlichen, sowie monetären Aufwand.
Um letztlich zu dem Schluss zu gelangen, dass es sich bei dem Wort digitale Souveränität erstmal Tagträumerei handelt, braucht man sich nur Chinas Weg zur digitalen Unabhängigkeit anschauen. Über ein Jahrzehnt planwirtschaftliche Industriepolitik mit immensen Investitionen benötigte es um einen Wert von 0,58 des DDI zu erreichen. Mit zunehmenden Einflussnahme durch geistiges Eigentum und der Erschließung von zentralen Positionen in globalen Lieferketten hat sich China zum digitalpolitischen Gegenpol Amerikas entwickelt.
Amerika hingegen dominiert mit großen Anteilen an der weltweiten digitalen Infrastruktur, kontrolliert marktbeherrschende Plattformen und setzt entscheidende Standards in Software-Ökosystemen. Jedoch beruhen diese digitalpolitischen und wirtschaftlichen Erfolge auf drei wesentliche Dinge: Der US-Dollar als Weltwährung, Imperialismus durch Handelsverträge und Militär, sowie fossile Energien. Aspekte die aktuell fortwährend ihren Wert verlieren und mit ihnen der amerikanische Einfluss.
Durch diesen Wechsel der geopolitischen Machtstrukturen ergibt sich eine gefährliche Lage europäischer Organisationen. Kommt es etwa zu Handelskonflikten, Exporbeschränkungen, Sanktionen oder gar Krieg, geraten nicht nur einzelne Produkte oder Dienstleistungen in gefährliches Fahrwasser, sondern ganze Wertschöpfungsketten, Staaten und Kontinente.
Doch obwohl dieses Risiko besteht, hinkt es an Subventionen, Planung und Verbindlichkeiten dieses Zielbild zu erreichen.
Weaponized Interdependence und der pragmatische Weg zur Resilienz
Digitale Abhängigkeiten werden bereits im Handelskrieg als Waffe genutzt. Konkret geht es hierbei um die bewusste Umwandlung technologischer Verflechtungen in Hebel geopolitischen Drucks.
Als beispielsweise Huawei 2019 sanktioniert wurde, bekamen auch europäische Unternehmen die Wucht digitaler Abhängigkeiten zu spüren, weil sie US-Patente nutzten. Auch der Ausschluss Russlands und des Irans aus dem SWIFT-System ist ein gutes Beispiel für geopolitische Hebel im digitalen Raum. Chinas Exportrestriktionen seltener Erden gegenüber Japan (2010) und der extraterritoriale Zugriff durch den US Cloud Act auf europäische Datenräume legen sich zusätzlich auf die Waagschale der Weaponized Interdependence.
Wer ausschließlich auf Cloud Dienste wie AWS, Azure oder Google Cloud setzt, legt damit sein digitales Rückgrat in fremde Hände und verliert Handlungsfähigkeit. Dennoch sind die Vorteile von Hyperscalern nicht zu übersehen: Sie bieten enorme Skalierbarkeit in Echtzeit, geringe Einstiegskosten durch nutzungsabhängige Abrechnung, weltweite Verfügbarkeit, globales Loadbalancing und das alles ohne aufwendige Hardwarebeschaffung. Ein Effizienzgewinn, der nicht von Organisationen ignoriert werden sollte.
Wir merken immer mehr, dass die Netze aus Software, Infrastruktur und Lieferketten tief verwoben und teuer zu trennen sind und müssen uns eingestehen, dass digitale Infrastrukturen europäischer Organisationen eine geopolitische Risikoachse haben. Unklare geopolitische Rahmenbedingungen wirken auf diese ein und verhindern Innovation. Innovation die wir brauchen um eigene gute Lösungen der gängigen proprietären Soft- und Hardware zu entwickeln.
Was bleibt, ist die Suche nach einem realistischen zeitnahen Ansatz und der beginnt beim Aufbau digitaler Resilienz. Eine Digitalstrategie die ihr nicht als Rückschritt sondern als verantwortungsvollen Schritt hin zur digitalen Souveränität sehen solltet.
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Digitale Resilienz beginnt mit Cloud Native Prinzipien
Im Gegensatz zur digitalen Unabhängigkeit findet ihr in der digitalen Widerstandsfähigkeit ein zeitnahes erreichbares Ziel.
Containerisierung, serviceorientierte Architekturen, sowie der gezielte und gute Einsatz von Kubernetes und Open Source Technologien aus der CNCF-Landscape ermöglichen euch Handlungsspielräume die nicht zu unterschätzen sind.
Schnellere Iterationszyklen von Bestands- und Neuentwicklungen beschleunigen den Erfahrungsgewinn eurer Entwickler:innen und setzen den Fokus vom Betrieb auf den fachlichen Mehrwert der entwickelten Applikation.
Mit guten Backup Strategien und Disaster Recovery Plänen in Verbindung mit klaren GitOps Ansätzen, automatisierten Betrieb und der strikten Nutzung von Open Source Technologien, ermöglicht ihr den schnellen Wechsel der zugrundeliegenden Infrastruktur. Richtig aufgebaut und eingesetzt ist es mittlerweile möglich innerhalb von Minuten oder Stunden von einem Provider zum nächsten zu wechseln. Egal ob die Infrastruktur auf AWS, Google, Alibaba Cloud, SysEleven oder auf eigener Hardware (Bare Metal) betrieben wird.
Digitale Resilienz ersetzt zwar nicht das politische Ideal der digitalen Souveränität, schafft aber die nötigen Spielräume für Stabilität, Planbarkeit und Innovation im Bereich des geistigen Eigentums.
Erste Seemeilen in Richtung wahrer digitaler Unabhängigkeit – jenseits politischer Rhetorik und leerer Versprechen.
Was euch beim nächsten Mal erwartet
Im nächsten Logbucheintrag unserer Blogreise stechen zwei Schiffe in See: die Docked & Locked GmbH, ein Dampfer mit fremdbestimmtem Kurs, und die Bareboat Technologies GmbH, ein wendiger Kutter unter eigener Flagge. Welche IT-Strategie übersteht den nächsten Sturm? Wir gehen auf Vergleichsfahrt, also bleibt an Bord und denkt dran: Immer eine Handbreit Hardware unter'm Kiel!
Vgl. Mayer, M. & Lu, Y.-C. (2023): Illusionen der Autonomie? Europas Position in den globalen digitalen Abhängigkeitsstrukturen, in: SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen, 7(4), 390–410. https://doi.org/10.1515/sirius-2023-4005; siehe auch: Digital Dependence Index – Länderstudien und Methodik. Verfügbar unter: https://digitaldependence.eu/publikationen (zuletzt abgerufen am 20. Mai 2025).